Die Amateurfunkklasse N ist die jüngste Lizenzklasse in Deutschland – und gleichzeitig einer der größten Einschnitte in die Amateurfunkregulierung seit vielen Jahren. Sie soll den Einstieg erleichtern, mehr Menschen für Funktechnik begeistern und trotzdem sauber in das bestehende Lizenzsystem eingebettet sein.
Damit das nicht nach „Marketinglabel“ klingt, schauen wir uns die Klasse N sauber und chronologisch an: Wie sie entstanden ist, was man damit darf, wie die Prüfungen aufgebaut sind – und wie viele Funkamateure inzwischen mit einem „DN9“-Rufzeichen unterwegs sind.
Von der Zweiklassen-Welt zur Einsteigerlizenz
Bis Mitte 2024 war die Lage überschaubar: In Deutschland gab es zwei Amateurfunkklassen – die „große“ Klasse A und die „mittlere“ Klasse E. Die Details regelt die Amateurfunkverordnung (AFuV), die als Rechtsverordnung das Amateurfunkgesetz (AFuG) konkretisiert. Die AFuV in ihrer modernen Fassung stammt ursprünglich von 2005 und wurde 2024 noch einmal grundlegend novelliert; diese Änderung ist am 24.06.2024 in Kraft getreten.
Mit dieser Novelle wurde eine dritte Lizenzklasse eingeführt: die Klasse N. Die Bundesnetzagentur beschreibt sie selbst als „Entry-Class“, also Einstiegslizenz mit reduzierten technischen Anforderungen und eingeschränkten Nutzungsrechten.
Der Weg dahin war kein Schnellschuss: Schon Jahre zuvor hatten Verbände und Ausbildungsinitiativen darüber diskutiert, dass der Sprung direkt in Klasse E oder A viele Interessenten abschreckt – gerade Menschen ohne technischen Hintergrund oder ohne Mathe-/Physikaffinität. Die Idee: eine niedrigschwellige Einstiegsstufe, mit der man echtes Amateurfunkrecht bekommt, aber eben auf begrenzten Bändern und mit niedrigerer Leistung.
Rechtsgrundlage: Was die AFuV zur Klasse N sagt
Die Klasse N ist keine „Nebenregelung“, sondern vollwertig in die AFuV eingearbeitet.
Die AFuV definiert:
- drei Zeugnisklassen: N (Einsteiger), E (erweitert) und A (voller Umfang),
- unterschiedliche Prüfungsanforderungen je Klasse,
- und legt in einer Anlage fest, welche Frequenzbereiche und Maximalleistungen zu welcher Klasse gehören.
Für die Klasse N gilt dabei klar: Sie ist für Einsteiger gedacht, darf aber nicht als „Jedermannfunk deluxe“ missverstanden werden. Auch N-Inhaber sind Funkamateure im rechtlichen Sinn, unterliegen also sämtlichen Pflichten eines lizenzierten Funkamateurs – Störungsvermeidung, Geheimnisschutz, Dokumentationspflichten, Einhaltung technischer Grenzwerte.
Welche Frequenzen und Leistungen die Klasse N erlaubt
Die Bänder der Klasse N sind bewusst so gewählt, dass man mit „überschaubarem“ Antennenaufwand arbeiten kann – also keine 80-Meter-Drähte quer über den Acker, sondern eher Antennen, die sich auf Balkon, Dach oder im Garten realisieren lassen.
Konkret erlaubt die Klasse N:
- das 10-m-Band im Kurzwellenbereich,
- das 2-m-Band (VHF),
- das 70-cm-Band (UHF).
Die zulässige Sendeleistung ist deutlich begrenzt. Für die Klasse N gilt eine maximale äquivalente Strahlungsleistung von 10 W – auf 10 m als ERP, auf 2 m und 70 cm als EIRP. Das bedeutet: Auch mit einer Antenne mit Gewinn darf der effektive „Strahlungsoutput“ diesen Wert nicht überschreiten – das Funkgerät selbst arbeitet also je nach Antenne mit noch geringerer Ausgangsleistung.
Betriebsarten sind – im Rahmen der IARU-Bandpläne und der AFuV – die üblichen: Sprechfunk (FM, auf 10 m teils auch SSB, soweit vorgesehen), digitale Betriebsarten und in Grenzen auch klassische Telegrafie. Die Klasse N ist bewusst nicht auf „nur FM und nur Relaisbetrieb“ kastriert, sondern bietet echten Amateurfunkbetrieb, nur eben spektral und leistungsmäßig begrenzt.
Der Prüfungsweg: Von N nach E und A
Mit der neuen Prüfungsordnung wurden die Amateurfunkprüfungen modular aufgebaut. Die drei klassischen Wissensblöcke
- Vorschriften (V),
- Betriebstechnik (B)
- und Technik (T)
sind in der Klasse N bereits vollständig vorhanden – aber auf einem etwas niedrigeren technischen Niveau.
Für die Klasse N umfasst die Prüfung jeweils 25 Fragen aus den Teilen V, B und T, also insgesamt 75 Multiple-Choice-Fragen.
Wichtig ist dabei das Stufenkonzept:
- Wer später von N auf E aufstocken will, legt nur noch zusätzliche Technikfragen für die Klasse E ab.
- Wer weiter von E auf A will, macht nochmals einen zusätzlichen Technikblock der höchsten Stufe.
Betriebstechnik und Vorschriften werden nur einmal „voll“ geprüft – die Inhalte wiederholen sich in höheren Klassen nicht einfach. Das macht den Weg von N → E → A planbar: Man kann mit N starten, Erfahrung sammeln und sich Schritt für Schritt hocharbeiten, ohne ständig denselben Fragenkatalog von vorne durchzukauen.
Die ersten Prüfungen nach neuem Fragenkatalog wurden 2024 unter anderem auf der HAM RADIO in Friedrichshafen abgenommen – symbolträchtig mitten in der größten deutschen Amateurfunkmesse.
Rufzeichenstruktur: DN9xxx als Markenzeichen der Klasse N
Mit der neuen Lizenzklasse kam auch ein neues typisches Rufzeichenmuster. Die AFuV legt den Rahmen fest, die konkrete Vergabepraxis definiert die Bundesnetzagentur.
In Deutschland ist für die Einsteigerklasse N derzeit der Präfix DN9 charakteristisch: Personengebundene Rufzeichen der Klasse N werden typischerweise als DN9 + dreibuchstabiges Suffix zugeteilt (zum Beispiel DN9MAX).
Die bekannten DL-/DM-/DO-Präfixe bleiben damit vor allem den Klassen A und E vorbehalten, während DN9 im Äther recht eindeutig auf einen Inhaber der neuen Einsteigerklasse hinweist. Für Ausbilder, Relaisbetreiber und Contest-Organisatoren ist das praktisch, weil man auf einen Blick erkennt, welche Rechte und typischen Einschränkungen der Gegenüber hat.
Was man mit der Klasse N praktisch machen kann
Die spannende Frage für Einsteiger: Lohnt sich die Klasse N praktisch oder endet man im „Relais-Käfig“?
Realistisch betrachtet eröffnet die Klasse N ziemlich viel, vor allem wenn man Antennen nicht als notwendiges Übel, sondern als Spielwiese versteht:
- Lokal- und Regionalverkehr über 2 m und 70 cm – direkt oder über Relais, ideal für die ersten QSOs, Notfunkübungen, Ortsrunden, FM-Treffen.
- Weitverkehr über 10 m, besonders bei guter Ausbreitung: Das 10-m-Band kann, je nach Sonnenaktivität, erstaunliche Reichweiten bis hin zu DX-Verbindungen ermöglichen – und das alles mit vergleichsweise kleinen Antennen.
- Nutzung moderner Digitalbetriebsarten: FM-Relais mit C4FM, DMR oder D-Star (wo vorhanden), digitale Simplex-Strecken, APRS-Gateways etc.
- Einstieg in Technik und Selbstbau: Auch mit kleiner Leistung lernt man alles, was einen Funkamateur ausmacht – vom Antennenabgleich über Entstörung bis zur Messpraxis.
Rein rechtlich ist der N-Funkamateur ein „vollwertiger“ Funkamateur, nur eben mit kleinerem Spielfeld. Wer merkt, dass ihn das Fieber gepackt hat, hat mit N eine stabile Basis, um gezielt auf E oder A zu erweitern.
Offizielle Zahlen: Wie stark die Klasse N genutzt wird (Stand Ende 2024)
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht jährlich eine offizielle Statistik zu Zulassungen und Rufzeichenzuteilungen. Für den Stichtag 31.12.2024 sieht diese Statistik so aus:
- 61.315 personengebundene Amateurfunkzulassungen insgesamt
- davon 52.115 in Klasse A
- 8.858 in Klasse E
- 342 in der neuen Klasse N
Hinzu kommen weitere Rufzeichenzuteilungen, die nicht personengebunden sind:
- 2.862 Klubstationsrufzeichen,
- 1.432 Rufzeichen für Relais- und Bakenfunkstellen,
- 4.854 Ausbildungsrufzeichen,
- 18 Sonderzuteilungen nach § 16 AFuV.
In Summe waren zum 31.12.2024 also 70.481 Rufzeichen in der Datenbank der Bundesnetzagentur verzeichnet.
Damit wird recht klar: Die Klasse N hat schon im ersten halben Jahr ihrer Existenz ein paar Hundert neue Einsteiger in den Dienst gebracht – kein Massenansturm, aber für eine komplett neue Klasse ein solider Start.
Blick über 2024 hinaus: Entwicklung laut Rufzeichenlisten 2025
Die regelmäßigen Rufzeichenlisten der Bundesnetzagentur enthalten alle zugeteilten Rufzeichen, aber keine fertige offizielle Aufschlüsselung nach Lizenzklassen. Wer wissen will, wie viele Funkamateure welcher Klasse es gibt, muss die Liste also selbst auswerten.
Aus öffentlich dokumentierten Auswertungen der aktuellen Listen ergibt sich für das Jahr 2025 ungefähr folgende Größenordnung (Herbst 2025, gerundete Werte):
- Klasse A: rund 59.500 personengebundene Rufzeichen
- Klasse E: rund 10.000 personengebundene Rufzeichen
- Einsteigerklasse N: etwa 760 personengebundene Rufzeichen
- Summe personengebunden: etwa 70.000 Rufzeichen
Diese Zahlen basieren auf Auswertungen der jeweils aktuellen Rufzeichenlisten der BNetzA. Sie sind nicht als offizielle Tabelle veröffentlicht, zeigen aber sehr gut die Entwicklung:
- Die Gesamtzahl der aktiven, personengebundenen Rufzeichen ist innerhalb eines Jahres von gut 61.000 (Ende 2024) auf rund 70.000 (Herbst 2025) gestiegen.
- Die Klasse N hat sich in dieser Zeit von 342 auf grob drei Viertel Tausend Rufzeichen mehr als verdoppelt.
Die Einsteigerklasse ist damit kein Papiertiger, sondern wird sichtbar genutzt – vor allem von neuen Funkamateuren, die ohne diese Einstiegslizenz vermutlich nie eine Prüfung gewagt hätten.
Verhältnis der Klassen: Warum N die anderen nicht ersetzt
Ein wichtiger Punkt in der Diskussion war (und ist) die Sorge, die Klasse N könne die „klassischen“ Klassen A und E verwässern oder ersetzen. Ein Blick auf Zahlen und Prüfungslogik zeigt aber das Gegenteil:
- Der große Anteil der Funkamateure bleibt in Klasse A – mit vollem Frequenzzugang und hoher zulässiger Leistung.
- Klasse E bildet die mittlere Stufe und bleibt attraktiv, vor allem für Kurzwellen-Fans, die (noch) nicht alles brauchen, was A erlaubt.
- Klasse N ist eine Einstiegsplattform, kein Endzustand: Die Prüfungsordnung ist bewusst darauf ausgelegt, dass man sich von N aus schrittweise hocharbeitet.
Praktisch bedeutet das: Die Klasse N bringt zusätzliche Leute ins Hobby, ohne dass sie den bestehenden Funkamateuren etwas „wegnimmt“. Antennenplätze, Bandpläne und Betriebsregeln sind ohnehin so gestaltet, dass sich alle drei Klassen parallel bewegen können, solange sich jeder an die zugehörigen Leistungslimits und Bänder hält.
Kritikpunkte und offene Baustellen
Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. In der Szene werden ein paar Punkte immer wieder diskutiert:
- Leistungsgrenze 10 W (ERP/EIRP): Für manche Einsatzzwecke – zum Beispiel portabler Betrieb mit einfachen Antennen oder schlechte Standorte – sind 10 W eher wenig. Wer das Beste herausholen will, muss Antennenbau ernst nehmen. Pädagogisch ist das durchaus gewollt: Funktechnik soll man nicht nur „kaufen“, sondern verstehen.
- Bandbegrenzung: Kein 80 m, kein 40 m, kein 20 m – also auch kein klassischer Weltverkehr auf den großen Kurzwellenbändern. Wer dorthin will, muss auf E oder A erweitern.
- Akzeptanz im Hobby: Genau wie beim Start der DO-Klasse (Klasse E) gibt es auch bei Klasse N Funkamateure, die skeptisch sind oder „zu viele Neulinge mit wenig Erfahrung“ befürchten. Langfristig wird sich das – wie damals – voraussichtlich legen, zumal die Prüfungsanforderungen ernstzunehmend sind und N-Inhaber den gleichen rechtlichen Pflichten unterliegen.
Diese Kritik ist nicht komplett aus der Luft gegriffen, ändert aber nichts an der Grundidee: Lieber kontrollierte, ausgebildete Einsteiger mit klaren Grenzen und sinnvoller Ausbildung als eine graue Zone aus Bastlern, die ohne Zulassung irgendwo im Spektrum herumfunken.
Fazit: Klasse N als Türöffner, nicht als Endstation
Wenn man die Chronologie zusammenzieht, ergibt sich ein klares Bild:
- Die novellierte AFuV vom Juni 2024 hat den rechtlichen Rahmen geschaffen und aus einer Zweiklassen- eine Dreiklassenstruktur gemacht.
- Die Prüfungen wurden modularisiert, sodass die Klasse N ein realer, aber machbarer Einstieg ist – mit klaren Aufstiegspfaden.
- Die offiziellen BNetzA-Zahlen zeigen: Schon Ende 2024 gab es mehrere Hundert N-Lizenzierte, und die Zahl hat sich innerhalb eines Jahres ungefähr verdoppelt.
- Die praktische Ausgestaltung – 10 m, 2 m, 70 cm mit 10 W – erlaubt echten Funkbetrieb, fordert aber, sich mit Antennen und Technik zu beschäftigen.
Kurz gesagt: Die Amateurfunkklasse N ist kein abgespeckter Spielzeugfunk, sondern eine bewusst schlanke Entry-Class, die die Tür in ein technisch anspruchsvolles Hobby öffnet. Wer die ersten QSOs mit einem DN9-Rufzeichen gefahren hat, merkt ziemlich schnell: Die Luft nach oben ist groß – aber der erste Schritt ist deutlich leichter geworden.

